Utting – Es gibt Premieren, die höflich beklatscht werden. Und es gibt Premieren, bei denen der Applaus Ausdruck echter Begeisterung ist. Zur zweiten Kategorie gehörte am Freitagabend die Aufführung von Carlo Goldonis Komödie „Der Fächer“ auf der Seebühne Utting. Das Publikum feierte die Inszenierung von Anna Münzer mit lang anhaltendem Beifall – und das völlig zu Recht.
Goldonis 1765 uraufgeführte Komödie gehört zu den großen Werken der italienischen Aufklärung. Hinter turbulenten Liebeswirren und zahllosen Missverständnissen verbirgt sich eine erstaunlich genaue Gesellschaftsbeobachtung. Standesdünkel und Eitelkeit, wirtschaftliche Abhängigkeit und die eingeschränkte Stellung der Frau prägen eine Welt, deren Ordnung wenige Jahrzehnte später durch die Französische Revolution grundsätzlich infrage gestellt werden sollte. Dass diese mehr als 250 Jahre alte Komödie heute noch so frisch und gegenwärtig wirkt, ist nicht zuletzt das Verdienst dieser gelungenen Inszenierung.
Regisseurin Anna Münzer vertraut auf die Stärke des Stückes und vor allem auf ihre Schauspielerinnen und Schauspieler. Sie verzichtet auf vordergründige Effekthascherei und entwickelt die Komik konsequent aus den Figuren. Das Ensemble spielt mit sichtbarer Freude, bemerkenswerter Textsicherheit und großer Selbstverständlichkeit.
Zu den Glanzpunkten des Abends gehört Peter Noll als Graf Porto. Mit feinem Gespür zeichnet er einen versonnenen und wirklichkeitsfremden Adeligen, der unbeirrbar an den Vorstellungen seiner gesellschaftlichen Stellung festhält. Er achtet peinlich genau auf Titel und korrekte Anrede und spricht bei jeder Gelegenheit von seinen Beziehungen und seiner „Protektion“.
Doch die Zeiten, in denen ein Adelstitel automatisch Wohlstand bedeutete, sind für diesen Grafen offensichtlich vorbei. Bereits sein Kostüm erzählt davon: ein sichtbar abgetragener Anzug mit Rissen, dazu ein Tuch, das mehr schlecht als recht die Funktion einer vornehmen Krawatte übernimmt. Der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit könnte kaum schöner dargestellt werden. Dass ausgerechnet dieser Mann schließlich nicht einmal seinen Kaffee bei dem Kaffeeröster Limonato (reizvoll der junge Laurenz Braun) bezahlen kann, gehört zu den köstlichsten Pointen des Abends. Peter Noll macht daraus keine bloße Karikatur, sondern eine Figur, die in ihrer Selbstüberschätzung fast schon wieder liebenswert erscheint.
Hervorragend auch Klaus Kohler als Baron Casino. Er zeichnet ihn als narzisstischen und eitlen Adeligen, der von seiner eigenen Bedeutung und Wirkung auf die Damenwelt vollkommen überzeugt ist. Gerade weil Selbstbild und Wirklichkeit so weit auseinanderliegen, entwickelt die Figur ihre große Komik. Zusammen mit Peter Nolls Grafen entsteht ein wunderbar ironisches Doppelbild eines Adels, dessen gesellschaftliche Selbstgewissheit bereits deutliche Risse bekommen hat.
Einen reizvollen Gegenpol bildet Luis Graf als Evaristo. Mit Charme und jugendlicher Natürlichkeit spielt er den verliebten Bootsverleiher, der eigentlich nichts anderes möchte, als seiner Candida einen Fächer zu schenken. Doch ausgerechnet dieses gut gemeinte Geschenk setzt eine Lawine von Missverständnissen, Verdächtigungen und Eifersüchteleien in Gang. Ein kleiner Gegenstand beginnt plötzlich, das ganze Dorf in Aufruhr zu versetzen.
Bettina Senger gibt der vornehmen, etwas betulichen Tante von Candida genau jene Mischung aus gesellschaftlichem Pflichtbewusstsein und selbstverständlicher Autorität, die diese Figur verlangt. Ihre Nichte Candida wird von Afra Walecki großartig einfühlsam gespielt. Sie lässt spüren, wie sehr diese junge Frau zwischen den Erwartungen ihrer Umgebung und ihren eigenen Gefühlen für Evaristo steht.
Nicht zu vergessen Katja-Lisa Engel als Nina, die Nichte des Fischers Tonno. Mit Temperament und Leidenschaft verkörpert sie eine junge Frau, die ihren eigenen Kopf besitzt und sich nicht ohne Weiteres den Vorstellungen anderer unterordnet. Sie möchte selbst entscheiden, wen sie liebt, und zieht die Liebe dem wirtschaftlichen Vorteil vor. Damit wird Nina beinahe zu einer Vorbotin jener gesellschaftlichen Veränderungen, die sich am Ende des 18. Jahrhunderts in Europa Bahn brechen sollten.
Herausragend ist auch Dominic Kolb als Schuster Crispino. Er gibt seiner Figur Bodenständigkeit, Temperament und eine wunderbar direkte Komik. Hans Borkholder wiederum macht aus dem Apotheker Timoteo einen herrlich selbstgewissen Quacksalber. Sein medizinisches Repertoire scheint zwar begrenzt, dafür ist er von dessen Wirksamkeit umso überzeugter: Wo immer eine Krankheit oder ein Unwohlsein auftaucht, ist der Aderlass als vermeintliches Allheilmittel nicht weit. Seine Auftritte gehören zu den besonders vergnüglichen Momenten des Abends.
Überhaupt liegt eine der großen Stärken dieser Aufführung in der Geschlossenheit des Ensembles. Alle Darstellerinnen und Darsteller füllen ihre Rollen aus. Es gibt keine Figuren, die lediglich als Staffage über die Bühne laufen. Jede trägt ihren Teil zu jenem komplizierten Geflecht aus Liebe, Eifersucht, gesellschaftlicher Stellung und Missverständnissen bei, das Goldonis „Der Fächer“ ausmacht.
Einen besonders klugen Regieeinfall hat Anna Münzer mit der Sprache gefunden. Die eitlen Vertreter des Adels sprechen demonstrativ Hochdeutsch, während das einfache Volk im Dialekt zu hören ist. Was zunächst für zusätzliche Komik sorgt, besitzt zugleich eine gesellschaftliche Dimension.
Sprache wird hier zum Zeichen der Zugehörigkeit. Die vornehme Ausdrucksweise der Adligen unterstreicht deren Anspruch auf gesellschaftliche Überlegenheit, während der Dialekt den Fischern, Handwerkern und anderen Dorfbewohnern Bodenständigkeit und unmittelbare Lebendigkeit verleiht. Zugleich verstärkt dieser Gegensatz Goldonis Gesellschaftssatire: Gerade diejenigen, die besonders vornehm sprechen und größten Wert auf Rang und Titel legen, erweisen sich keineswegs als die lebensklügsten Menschen auf diesem italienischen Dorfplatz.
Darin liegt überhaupt eine Qualität dieser Inszenierung. Hinter allen Verwechslungen und komischen Situationen bleibt die gesellschaftliche Wirklichkeit des 18. Jahrhunderts sichtbar. Junge Frauen, die ohne Eltern aufwachsen, stehen unter der Vormundschaft anderer. Nicht allein ihre Gefühle entscheiden über ihre Zukunft. Wirtschaftliche Versorgung, gesellschaftlicher Rang und die Vorstellungen der Familie spielen eine mindestens ebenso große Rolle.
Goldoni erzählt davon jedoch nicht mit erhobenem Zeigefinger. Er lässt seine Figuren lieben, hoffen, intrigieren, sich täuschen und wieder versöhnen. Die Gesellschaftskritik entsteht aus der Komödie selbst.
Auch das Bühnenbild fügt sich harmonisch in dieses Konzept ein. Wie schon bei früheren Produktionen der Seebühne wird nicht versucht, mit aufwendigem Realismus eine italienische Stadt nachzubauen. Wenige Elemente genügen, um einen Dorfplatz entstehen zu lassen und die Fantasie der Zuschauer anzuregen.
Dieser Platz wird zum eigentlichen Mittelpunkt des Geschehens. Hier begegnen sich Nachbarn, hier wird beobachtet und getratscht, hier entstehen Gerüchte und Missverständnisse, hier kreuzen sich die Wege der Liebenden und ihrer Widersacher.
Diese natürliche Kulisse kann kein Bühnenbildner erschaffen. Wenn sich während der Vorstellung langsam die Abendstimmung über den See legt, verschmelzen Natur und Theater für einige Stunden miteinander. Gerade darin liegt der besondere Reiz der Seebühne Utting.
Bemerkenswert ist schließlich die Sicherheit, mit der sich die Darstellerinnen und Darsteller auf dieser offenen Bühne bewegen. Die Dialoge sitzen, die Einsätze stimmen, und trotz der Vielzahl der Figuren verliert die Aufführung nie ihren Rhythmus. Gerade bei einem Stück, dessen Komik wesentlich vom richtigen Timing lebt, ist das eine beachtliche Leistung.
Rund 40 Menschen wirken vor und hinter der Bühne an der Produktion mit. Für einen Ort wie Utting ist das außergewöhnlich und zeigt zugleich, welche kulturelle Kraft entstehen kann, wenn sich Menschen über Monate gemeinsam für ein Theaterprojekt engagieren. Kostüme, Bühnenbild, Technik, Regie und Schauspiel greifen ineinander und ergeben einen Abend, der weit über das hinausgeht, was man gelegentlich etwas herablassend als „Amateurtheater“ bezeichnet.
Mit „Der Fächer“ ist Anna Münzer und der Seebühne Utting eine Inszenierung gelungen, die Witz, Gesellschaftskritik und Spielfreude auf ebenso leichte wie intelligente Weise miteinander verbindet. Goldonis Komödie erweist sich dabei als erstaunlich jung geblieben. Die menschlichen Schwächen, die er vor mehr als zweieinhalb Jahrhunderten beschrieb – Eitelkeit, Standesdünkel, Eifersucht, Selbstüberschätzung und natürlich die Irrungen und Wirrungen der Liebe – sind uns schließlich keineswegs fremd geworden.
„Der Fächer“ wird auf der Seebühne im Summerpark in Utting noch bis 14. August gespielt. Die Vorstellungen beginnen jeweils um 20 Uhr. Gespielt wird am 24., 25., 29., 30. und 31. Juli sowie am 3., 4., 5., 6., 7., 8., 10., 11., 12., 13. und 14. August. Weitere Informationen sowie Karten gibt es auf der Homepage der Seebühne Utting unter www.seebuehne-utting.de.